Warum unsere Arbeit zählt

Damit nicht die Herkunft über die Zukunfteines Kindes entscheidet

In Freiburg hängt der Bildungsweg noch immer stark davon ab, in welche Familie und welchen Stadtteil ein Kind geboren wird. Hier zeigen wir, warum das so ist, was es bedeutet und wo wir ansetzen.

Unsere Geschichte

Seit über zwei Jahrzehnten der Zeit voraus

Bildungsgerechtigkeit ist heute in aller Munde. Für uns ist sie seit über 20 Jahren gelebter Alltag. Ein kurzer Blick zurück zeigt, warum unsere Arbeit kein Zufall ist, sondern eine Haltung, die von Anfang an klar war.

  1. rund um 2005

    Der Anfang: eine einfache Überzeugung

    Am Anfang stand ein Gedanke, der bis heute alles trägt: Kein Kind sollte weniger Chancen bekommen, nur weil es in die vermeintlich falsche Familie oder den vermeintlich falschen Stadtteil geboren wurde. Also gingen wir dorthin, wo Kinder Unterstützung am dringendsten brauchen, direkt an die Schulen.

  2. die Jahre danach

    Aus einer Idee wird Verlässlichkeit

    Woche für Woche, Schuljahr für Schuljahr. Aus einzelnen Stunden wurden feste Projekte, aus Projekten ein Netzwerk aus heute 34 Partnerschulen und 27 Förderern. Kinder trafen nicht auf wechselnde Gesichter, sondern auf Menschen, die blieben und die wussten, was sie brauchen.

  3. heute

    Was wir immer ahnten, ist heute belegt

    Was uns von Beginn an antrieb, zeigen inzwischen die Zahlen schwarz auf weiß: In Freiburg entscheidet die soziale Herkunft noch immer stark über den Bildungsweg. Wir waren dem Thema voraus, und genau deshalb wirken unsere Projekte heute an der richtigen Stelle.

  4. morgen

    Warum es jetzt erst recht zählt

    Die Schere geht nicht von allein zu. Solange Postleitzahl und Elternhaus über Zukunft mitentscheiden, braucht es Menschen, die verlässlich an der Seite der Kinder stehen. Genau das tun wir weiter, und mit jeder Unterstützung ein Stück mehr.

Wie alles begann · in den Worten der Gründerin

„Mich beeindruckte 2005 sehr, als Heidrun mir von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit in der Anne-Frank-Schule erzählte. Sie bot dort eine Meditationsgruppe für Grundschulkinder an. Die Kinder waren begeistert dabei, und auch Lehrende und Eltern sehr angetan.

Ich selbst arbeitete damals schon lange als Sozialarbeiterin und wusste, wie herausfordernd der Umgang mit Kindern und Jugendlichen sein kann. Eine Meditationsgruppe als pädagogische Methode, ein faszinierender Gedanke, möglicherweise übertragbar auf andere Felder der Jugendarbeit?

Über das Förderprogramm „Jugend im Wertall“ der Landesstiftung Baden-Württemberg und mit Dr. Michael Kalff schärften wir die Idee. Wir wollten mit Jungen beginnen, denn für die Jungenarbeit gab es damals weniger Angebote. Zur Meditation kamen Kommunikation und Kampfkunst hinzu. Es ging uns darum, Bedürfnisse der Jungen, Bewegung, Action, Wettstreit, mit persönlicher Entwicklung zu verknüpfen.

2005 gründeten wir den Verein Jugend Welt e.V., der bald als gemeinnützig anerkannt wurde. Die Erfolgsgeschichte geht weiter, nun im 21. Jahr!“

Astrid Suerkemper · Mitgründerin von Jugend Welt e.V.
Warum wir das tun

In Freiburg entscheidet zu oft die Herkunft, nicht das Kind

Ob ein Kind nach der Grundschule aufs Gymnasium wechselt, hängt in Freiburg stark davon ab, in welche Familie und in welchen Stadtteil es geboren wurde. Fachleute nennen das den Bildungstrichter: Kinder aus Akademiker- und wohlhabenden Familien werden nach oben durchgereicht, Kinder aus Familien mit wenig Geld oder Zuwanderungsgeschichte deutlich seltener. Das gleiche Kind, dieselben Talente, ein anderer Nachname oder eine andere Postleitzahl, und der Weg sieht plötzlich ganz anders aus.

Das ist keine Frage von Begabung. Es ist eine Frage von Chancen, Vorbildern und Unterstützung. Genau da wollen wir etwas verändern, damit die Herkunft nicht länger über die Zukunft bestimmt.

Wer nach der Grundschule aufs Gymnasium wechselt

Übergangsquote in Freiburg nach Herkunft der Kinder, Schuljahr 2022/23.

Ohne Zuwanderungsgeschichte
63,3%
Freiburg insgesamt
55,8%
Mit Zuwanderungsgeschichte
41,2%
Ohne deutschen Pass
26,6%

Zum Vergleich: Im Landesdurchschnitt von Baden-Württemberg wechseln rund 45 von 100 Kindern aufs Gymnasium. Zwischen Kindern mit und ohne Zuwanderungsgeschichte liegen in Freiburg mehr als 20 Prozentpunkte.

Derselbe Übergang, zwei Stadtteile

Anteil der Grundschulkinder, die aufs Gymnasium wechseln, Durchschnitt der letzten drei Schuljahre.

HerdernStadtteil mit wenig Armut
90%
WeingartenStadtteil mit viel Armut
14%

Wenige Kilometer Luftlinie, ein völlig anderer Bildungsweg. Der Schulentwicklungsbericht der Stadt hält dazu nüchtern fest: Die soziale Zusammensetzung eines Stadtteils bestimmt trotz aller Fördermaßnahmen weiterhin den Bildungsweg der Kinder.

rund 14 %der Kinder und Jugendlichen in Freiburg wachsen in einer Familie auf, die auf Sozialleistungen angewiesen ist.
14 vs. 90 %so weit liegen die Gymnasialquoten einzelner Stadtteile auseinander, je nach sozialer Lage.
über 20Prozentpunkte Unterschied beim Gymnasium, je nachdem ob ein Kind eine Zuwanderungsgeschichte hat.

Genau hier setzen wir an

Wir gehen dorthin, wo die Lücke am größten ist: direkt an die Schulen. Mit Projekten, die Selbstvertrauen, Sprache, Bewegung und Zusammenhalt stärken, begleiten wir Kinder über das ganze Schuljahr. Damit am Ende nicht die Postleitzahl entscheidet, sondern das Kind selbst.

Quelle: Schulentwicklungsbericht der Stadt Freiburg 2024, auf Basis von Daten des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg (Schuljahr 2022/23) sowie des Amts für Bürgerservice und Informationsmanagement der Stadt Freiburg.

Was dahinter steckt

Es ist kein Zufall, sondern ein Muster: Klassismus

Fachleute nennen die Benachteiligung entlang der sozialen Herkunft Klassismus. Sie entscheidet mit darüber, wer Zugang zu guten Bildungsabschlüssen bekommt und wer nicht. Das Tückische daran: Unsere Gesellschaft erzählt Armut oft als selbst verschuldet. Dabei ist sie in aller Regel durch die Herkunft bedingt, nicht durch mangelnden Willen.

Besonders deutlich wird das bei Kindern aus Familien ohne akademische Tradition. Ihr Talent ist genauso groß wie das anderer Kinder. Was fehlt, sind nicht Fähigkeiten, sondern Chancen, Vorbilder und Rückhalt.

Weniger Vorbilder im Bildungssystem

Wer zu Hause niemanden hat, der studiert oder das Schulsystem kennt, bekommt seltener Orientierung, welche Wege überhaupt offenstehen.

Weniger Rückhalt beim Lernen

Nachhilfe, ruhige Lernorte, Unterstützung bei Hausaufgaben: was in manchen Familien selbstverständlich ist, fehlt in anderen ganz.

Zuschreibungen statt Zutrauen

Kinder spüren früh, was man ihnen zutraut. Wo Herkunft als Grenze gelesen wird, wächst Unsicherheit statt Selbstvertrauen.

Unsere Antwort: verlässlich, direkt an der Schule

Wir gehen dorthin, wo die Lücke am größten ist, statt darauf zu warten, dass Kinder zu uns kommen.
Wir bleiben über das ganze Schuljahr, damit Kinder verlässliche Bezugspersonen haben.
Wir stärken Selbstvertrauen, Sprache, Bewegung und Zusammenhalt, nicht nur Wissen.
Wir arbeiten mit Schulen in sozial herausfordernden Lagen zusammen, ganz gezielt.

Werden Sie Teil der Antwort

Jede Schule, die uns holt, und jede Unterstützung sorgt dafür, dass ein Kind mehr die Chance bekommt, die ihm zusteht.

Quellen: Schulentwicklungsbericht der Stadt Freiburg 2024 auf Basis des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg (Schuljahr 2022/23) sowie des Amts für Bürgerservice und Informationsmanagement der Stadt Freiburg. Einordnung Klassismus: Prof. Dr. Francis Seeck, „Klassismus und Bildungsgerechtigkeit“.